Mein Name ist Angela, ich bin 32 Jahre alt, eine der Alltagspersonen und, wenn man streng nach Michaela Huber geht, wohl so etwas wie die Gastgeber-Persönlichkeit.

Meine Aufgaben und Interessen beziehen sich im Wesentlichen auf mein Studium und meine Arbeit. Auch habe ich einmal den Versuch gestartet eine Beziehung zu führen aber sehr schnell festgestellt, dass es nichts für mich ist. Ich habe große Probleme mit körperlicher Nähe, ich weiß nicht wie ich mit meiner eigenen Körperlichkeit und mit meinen Gefühlen umgehen kann und spalte daher viel ab.

Dass mit mir etwas nicht stimmt vermutete ich schon immer. Solange ich mich zurückerinnern kann habe ich immer wieder große Zeitlücken, an die zeit vor dem 12 Lebensjahr kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Auch habe ich nur ganz wenige Erinnerungen an mein Elternhaus, meist sind das lebhafte Diskussionen mit meiner Mutter und meinem Stiefvater, die ich immer sehr geschätzt habe. Oft scheint es mir, als habe mein Leben von jeher aus Schule und Büchern bestanden. Jede freie Minute habe ich in Bibliotheken und Büchereien verbracht, die Vorzüge der Universitätsstadt in der ich aufgewachsen bin.

Schon immer war es mein Wunsch Psychologie und Betriebswirtschaftslehre zu studieren, die unfreiwillige Beeinflussung meiner Eltern spielt da wohl auch eine gewisse Rolle. Mit 14 hatte ich bereits sämtliche relevante Literatur, die damals Vorbereitung für das Psychologie Vordiplom war, durchgearbeitet. Auch in der Schule habe ich immer nur auf dieses Ziel hingearbeitet. Letztendlich fiel mir die Entscheidung dann tatsächlich mit dem Studium zu beginnen nicht leicht oder genauer gesagt war es schwer meine Wünsche durchzusetzen: Ich bin multipel, ein in viele Identitäten aufgespaltener Verstand, ich bin nicht alleine.

In der Zeit der Berufsfindung nach dem Abitur ist mir das erste Mal bewusst aufgefallen, dass ich so etwas wie ein Doppelleben führe. Es gibt die Aspekte meines Lebens, die ich selber erlebe, es gibt anderes, woran ich keinerlei Erinnerungen habe, etwas, was nicht-Ich ist, was parallel zu mir selber passiert. Bin ich nicht da übernehmen andere Kontrolle über Handeln, Denken und Fühlen. Ich selber bekomme davon nichts mit, ich bin amnestisch für diese „Anderen“ in mir. Mir ist nie wirklich bewusst geworden wie viel ich nicht mitbekomme, ich habe vergessen, dass ich so viel vergesse: Amnesie für die Amnesie. Erst als das Leben, das ich glaubte zu führen, in zwei verschiedene Richtungen strebte von denen mir eine vollkommen fremd war, habe ich begonnen zu verstehen, dass es etwas gibt, das mir nicht bewusst zugänglich ist. Ich lief gegen Mauern, fand mich in Situationen wieder, die ich nicht nachvollziehen konnte.

Es war für mich sehr hart zu realisieren, dass ich weit weniger Kontrolle über mein Leben habe, als ich es mir selber eingeredet hatte. Der Kontrollverlust war das schlimmste. Lange war ich darum auch immer wieder überzeugt, dass ich mich in ein ganz komplexes Wahngebilde verstrickt hatte. Nichts in meinem Leben schien mehr zueinander zu passen, für meine Ängste habe ich keine Gründe gefunden, ich hörte Stimmen in meinem Kopf, Schreie, ich sah Dinge, die nicht wirklich da sein konnten, hatte Flashbacks, die für mich ebenfalls keinen Sinn ergaben.

Ich bin in dieser Zeit auch mit diversen psychosozialen Einrichtung in Berührung gekommen. Ich formuliere das bewusst so, da es mir schien als "husche" ich in den Therapien nur vorbei. Ich war eine Weile sowohl ambulant als auch stationär in Behandlung und habe diverse Diagnosen bekommen, wurde dort unter anderem auch zum ersten mal mit der dissoziativen Identitätsstörung konfrontiert.

Daraufhin habe ich begonnen mich mit dem Thema Dissoziation, DIS, Schizophrenie und Borderline intensiv auseinanderzusetzen. Ich habe Bücher gekauft und aus der Bibliothek ausgeliehen, habe Fachartikel gelesen und mit vielen Ärzten und Therapeuten diskutiert und Gespräche geführt. Es ging mir darum zu verstehen und abzugrenzen. Mir hat es die Angst genommen und geholfen mich weniger stark emotional zu involvieren, sonst wäre ich wohl an der Krise zerbrochen.

Über das Verständnis für meine Störung ist es mir viel leichter gefallen sowohl meine eigene, als auch die Rolle der Anderen zu akzeptieren. Als ich annehmen konnte wer ich bin und woher ich komme, konnte ich auch Kontakt aufnehmen.

Ich habe noch immer viele Amnesien in meinem Alltag, oft fehlen mir Stunden und Tage, an denen ich nicht weiß was passiert ist. Der Unterschied ist, dass ich weiß, dass ich nicht alleine bin, dass ich kommunizieren kann und gemeinsam mit den Anderen aus unserem System arbeiten kann.

Ich habe eine recht enge Beziehung zu Lizzy, Gwendolyn und Barbara aufgebaut. Ich habe gelernt Lizzy als meine Mitstreiterin zu akzeptieren, auch wenn wir eine sehr unterschiedliche Herangehensweise an unsere Aufgaben haben. Wir können heute oft sehr gut miteinander arbeiten und gegenseitig unsere Defizite ausgleichen.

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