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Die ersten Jahre

 

Wir schreiben hier in der Wir-Form aus folgenden Gründen: es gibt kein einzelnes Ich mehr, dass kontinuierlich die Erfahrungen dieses Lebens gemacht hat. Aktuell käme es uns merkwürdig von "ich" zu schreiben, da wir noch so aufgespalten, noch so getrennt voneinander sind wie verschiedene Menschen. Auch schreiben wir oft von dem "kleinen Mädchen". Das gibt uns eine etwas bessere Vorstellung davon, was eigentlich passiert ist und hilft auch ein wenig den Abstand zu wahren

Was wir hier schreiben ist der Versuch einen groben Überblick über unser Leben zu bekommen. Vieles stammt aus den Erinnerungen einzelner Innenpersonen oder wurde mit (indirekter) Hilfe von Außenpersonen wie Familie, Freunde, Menschen, die unseren Weg eine Weile begleitet haben, rekonstruiert.

Es ist hier von zwei Großvätern die Rede, beide haben uns missbraucht. Um ein wenig den Überblick zu behalten nennen wir sie hier den Großvater (väterlicherseits) und den Opa (mütterlicherseits).

 

Wahrscheinlich dudelte grade Cliff Richard mit seiner Schnulze "How we don’t talk anymore" im Radio, als eine junge Frau mit Wehen in das nächste Krankenhaus gebracht wurde. Sie war schon etwas überfällig, das Kind hätte längst kommen sollen.

Einige Monate zuvor hatte sie ihre Jugendliebe geheiratet, sie war ungeplant schwanger geworden und die Heirat damit eine beschlossene Sache. Immerhin befinden wir uns hier in einer kleinen, dörflichen Gemeinschaft in den 70ern. Uneheliche Kinder passten nicht gut in das Bild einer Familie. Das junge Paar versuchte sich den Erwartungen, die an sie gestellt wurden, gerecht zu werden. Sie hatten das gelernt. Ihre Eltern, von jeher gute Freunde, sorgten dafür, dass alles seine Ordnung hat.

Die werdende Familie bezog eine winzige Wohnung im Hause des Vaters des jungen Mannes und begann sich auf den neuen Lebensabschnitt einzustellen. Keiner von beiden hatte das Kind gewollt. Es war einfach passiert, so wie Kinder einfach passieren können. Ein Unfall. Die junge Frau hatte aber einige Schuldgefühle gegenüber dem Ungeboren und schwor sich es lieb zu haben. Sie glaubte das Kind würde merken, wenn es nicht gewollt sei.

So wurde das Kind geboren.

Die Junge Familie nahm das kleine Mädchen aus dem Krankenhaus mit nach Hause in die Wohnung des Hauses, das dem Großvater des Mädchens gehörte. Dort versuchte sich die Familie so gut es geht ein Leben zu schaffen. Der junge Mann arbeitete und die junge Frau kümmerte sich um das Mädchen. Sie litt unter der Tyrannei ihrer Schwiegermutter und unter der Enge der Wohnung.

Bereits in den ersten Monaten begann der Großvater das kleine Mädchen zu missbrauchen, misshandeln und als er der Meinung war, dass es alt genug sei auch zu vergewaltigen. Der Großvater war ein "bekannter" Pädophilier, auch seine eigenen Kinder hat er jahrelang missbraucht.

 

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Die unteren Stockwerke des Hauses glichen für uns damals eher Folterkammern als einer normalen Wohnung und einem Keller. Der Großvater war ebenso wie unser Onkel Teil eines Rings, der Kinderpornographie herstellte und vertrieb und der als Vermittlungsstelle für Kinderprostitution fungierte. Wir waren nicht sehr alt, als wir erfahren mussten, was das Leben für uns bereithalten würde: regelmäßige Misshandlungen, Folter, sexueller Missbrauch und Vergewaltigungen. Vieles davon auf Film festgehalten.

Noch bevor wir das 2. Lebensjahr vollendeten, hatte unsere Seele bereits begonnen sich aufzuspalten, viele Fragmente und Innenpersonen, kaum mehr als Säuglinge, aber schon leidgeprüft, zeugen davon.

Unsere Eltern ließen sich recht bald scheiden. Die Mutter kam mit dem Alkoholproblem des Vaters nicht zurecht. Sie zog mit dem kleinen Mädchen, mit uns, zu ihren eigenen Eltern, nur ein paar Häuser weiter. Sie versuchte sich zu befreien, ging arbeiten und war glücklich ihr Kind in guten Händen zu wissen. Wir waren zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz 2 Jahre alt.

Der Missbrauch hörte damit nicht auf. Noch immer waren wir in direkter Nachbarschaft zu dem Großvater und den andern Tätern. Aber auch in der neuen Familie, bei Oma und Opa war Gewalt an der Tagesordnung. Der Opa war ein zu Zeiten liebevoller, dennoch oft jähzorniger Mensch, der seine eigenen Emotionen nicht verstand und nicht kontrollierte. Er schlug zu, wenn er mit Worten nicht mehr weiter wusste, er brüllte und tobte. Wenn er wütend wurde, dann prügelte er mit Gürtel, Gerte, Peitsche oder Schlüsselbund. Manchmal schloss er uns stundenlang in eine Kartoffelkiste im Keller, in einem Wandschrank oder in einer Truhe ein.

Auf der anderen Seite liebte er sein kleines Mädchen, war fasziniert von dem blonden Lockenschopf, den ersten unbeholfenen Gehversuchen, den ersten Wörtern. Er konnte seine Finger nicht von diesem kleinen Wesen lassen… und so ließ er es wahrscheinlich mit sich geschehen, ließ seine Neigungen überhand nehmen. Aus den häufigen Streicheleinheiten wurde intensiver. Er wollte mehr. Er wird sich vielleicht gerechtfertigt haben, dass er doch nichts Schlimmes tut, er liebt sein kleines Mädchen nur so sehr.

Der Missbrauch begann langsam und schleichend. Er streichelte, berührte das Kleinkind an intimen Stellen, ließ sich selber berühren und irgendwann war das nicht mehr genug. Wenn er alleine holte er das Kind zu sich, seinen liebsten Schatz, und begann es sexuell zu missbrauchen, aus dem anfänglichen Berührungen wurde schnell Penetration, aus "im Arm halten" wurde Sex. Der Körper war zu diesem Zeitpunkt etwa 2 Jahre alt.

Was langsam und vorsichtig begann, wurde mit der Zeit härter und gröber. Immer öfter reagierte er sich an uns ab. Wir haben unseren Opa nie als einen starken Mann gesehen, eher als einen Tyrannen, der im Grunde doch sehr unsicher war. Ein Sklave seine Emotionen und dadurch leicht zu manipulieren. Er begann uns an gleichgesinnte "Kameraden" auszuleihen. Bei seinen wöchentlichen Skatrunden waren wir immer dabei. Wir "zeigten" dem ein oder anderen seiner Kumpel "unser Zimmer", was soviel bedeutete, wie mit dem Mann nach oben zu gehen und sexuell zu Diensten zu sein. Wir lernten mit der Zeit, wie sich eine brave kleine Nutte zu verhalten hat.

Oftmals wurden wir auch von einem seiner Kameraden abgeholt oder, wenn es noch nicht so spät war, zu jemandem hingeschickt.

Der Missbrauch durch den Großvater fand weiterhin statt. Oft waren wir dort, wurden regelrecht für bestimmte Dienstleistungen abgerichtet und waren Teil der verschiedenen Pornos, die dort im Keller produziert wurden. Einiges davon wirklich hartes Zeug. Er hatte einen besonderen Raum, gekachelt, mit Leisten und Haken versehen, der leicht zu reinigen war, wo die "schmutzigen" Dinge geschehen konnten.

Auch zu diesem Großvater kamen Freier. Dafür war die Wohnung in dem Hochparterre gedacht. Es gab ein Spielzimmer, mit Puppen, Lego und einer Holzeisenbahn, dort warteten wir oft, meist nicht allein sondern gemeinsam mit anderen Kindern. Es kamen dann zwischendrin fremde Männer rein und setzten sich zu uns, spielten ein wenig mit uns und dann kam mein Großvater oder ein anderer von den Männern, die dazu gehörten und nahm eines der Kinder, dass der Fremde sich ausgesucht hatte mit nach draußen. Wir haben immer erleichtert aufgeatmet, wenn jemand anderes und nicht wir ausgesucht wurden.

 

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Als wir ca. 2 - 3 Jahre alt waren gerieten wir und unsere Cousine über Verbindungen, die Großvater und Onkel hatten in eine Gemeinschaft, die wir heute als den "Kult" bezeichnen. Einige der Mitglieder dieser Gruppierung gingen bei unserem Großvater ein uns aus, nutzen Räume und Grundstücke die ihm gehörten, zusätzlich war der Onkel seit einiger Zeit selbst Mitglied dieser sektenartigen Gemeinschaft.

Diese Gemeinschaft, der Kult, hat uns stark geprägt, doch noch heute ist es so, dass vieles, was damit im Zusammenhang steht für uns im Dunklen liegt. Es ist verdrängt, verschüttet, vergraben in den Erinnerungen von einigen Subsystemen von Innenpersonen bei uns, zu denen so gut wie gar kein Kontakt besteht.

Der Kult manipulierte, band seine Mitglieder an sich. Dazu gehörte auch, dass häufig Feste und Rituale zelebriert wurden bei denen es oft zu sexuellem Verkehr der Mitglieder, rituellen Misshandlungen und Folter, symbolischen oder realen Opferungen kam.

15 Jahre waren wir in den Strukturen des Kults, die sich wie immer enger werdende Fesseln um uns banden, gefangen. Vollkommen unvorbereitet und nicht wissend was wir eigentlich tun haben wir einen Ausstieg versucht, sind abgehauen, ausgewandert, aber bereits nach weniger als 2 Jahren wieder im Netz der Spinne gelandet - als Verräter.

 

Fortsetzung (...und niemand half)

 

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