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...und niemand half

 

Eine Frage, die uns immer wieder von einem Therapeuten gestellt wurde war: „Ja hat das denn niemand bemerkt? Warum hat niemand etwas unternommen?“ Wie oft haben wir uns selber diese Fragen gestellt. Warum hat uns niemand geholfen? Hat niemand gesehen was passiert ist?

Vieles schieben wir auf unser dörfliches Umfeld. Dort wurde Schweigen gewahrt. Wenn etwas nicht gehörig ist, dann hat man es nicht gesehen. Und auf Unwissen und Unvermögen von Außenstehenden. Wie soll man auch mit etwas umgehen, was man schwer greifen kann.

Wir waren nicht gerade unauffällig, was unser Verhalten betraf, aber doch angepasst. Im Kindergarten wurde bemerkt, dass das Kind ungewöhnlich still war, es war aber immer freundlich und höflich. Es wurde bemerkt, dass das Kind oft wie abwesend schien und stundenlang in einer Ecke saß und die Decke anstarrte. Oft schien es wie aus einem Albtraum zu erwachen, rannte los und schrie wie am Spieß. Es schlug wie in Trance mit dem Kopf gegen die Wand, aber jeden morgen kam es sauber, gekämmt mit dem Nachbarsmädchen an der Hand in den Kindergarten. Es stritt sich nicht mit anderen Kindern, raufte nicht und antwortete immer, wenn es etwas gefragt wurde. Das Kind malte viel, erzählte den Kindergärtnerinnen von seinen Bildern, wenn sie zu ihm kamen. Es malte Bilder von „Kindern, die an der Wand hängen“ und erzählte wie man kleine Kinder richtig fesselt und sie an Haken in den Keller hängt. Wurde etwas unternommen? Das wissen wir nicht. Was wir wissen ist, dass niemand half oder mit uns sprach.

In der Grundschule lief es eigentlich recht gut. Auch dort fielen wir immer wieder durch Kleinigkeiten auf. Wir haben noch alte Hefte aus dieser Zeit mit Notizen an die Eltern. Das Kind würde sich unter den Tisch verkriechen und das während des Unterrichts, es würde manchmal desorientiert herumlaufen und auf Ansprachen nicht reagieren. Das Kind führe die Lehrer an der Nase herum, es schiene manche Aufgaben nicht lösen zu können und den Lehrer nicht verstehen zu wollen, dabei sei es doch sonst die Beste in Mathematik. Es habe versucht in der Pause wegzulaufen und sei an der Bushaltestelle von einem gerade ankommenden Lehrer gegen Proteste wieder zurückgebracht worden.

Das Kind war sonst aber eine gute Schülerin, immer die Klassenbeste. Es wurde zwar oft von anderen Kindern gehänselt, aber es hatte immer Freunde und Freundinnen, mit denen es gelegentlich in der Pause spielte.

Nein, die Problemkinder waren anders. Die stritten und schlugen sich oft, kamen schmutzig und mit kaputter Kleidung in die Schule. Die stammten aus „schlimmen Verhältnissen“. Nein, wir waren angepasst. Wir hatten gelernt, wie wir uns „da draußen“ zu verhalten haben. Wir hatten gelernt, was wichtig war: nicht auffallen. Und ja, wir hatten Angst aufzufallen, Angst dass es stimmte, was man über uns sagte: „Du bist verrückt, verrückte Kinder werden weggesperrt. Du kommst in die Klapsmühle“

Nur nicht verrückt sein, nein, bitte das nicht.

Aber was ist mit Ärzten? Wir waren mehr als einmal verletzt. Nicht immer haben wir dann medizinische Hilfe erhalten, nicht jede Wunde wurde genäht. Dennoch sind wir auch ins Krankenhaus gekommen. Angeblich hatten wir uns beim spielen verletzt oder es gab einen Unfall. Hat das keiner nachgeprüft? Wer weiß. Geschehen ist nie etwas, von dem wir was mitbekommen hätten.

Aber wenn ein Kind mit eingerissenem After und Einschnitten in der Vagina in eine Praxis gebracht wird, würde der Arzt diesen Vorfall nicht melden? Sehr unwahrscheinlich, wenn gerade dieser Arzt der beste Freund es eigenen Onkels ist und seine Neigungen teilt, wenn er selber oft genug am Missbrauch beteiligt war, wenn man genau aus dem Grund zu eben diesem Arzt (und nicht dem eigentlichen Kinderarzt) gebracht wird.

Kann denn so etwas sein? Ja!

Es folgt die Frage nach der Mutter. Sie hätte doch bemerken können, was mit ihrer Tochter geschah? Sie hätte uns doch rausholen können, mit uns weggehen. Ja, das hätte sie, wenn sie in der Lage gewesen wäre bewusst zu erkennen, was die ganze Zeit passierte. Ja, sie hat einiges bemerkt, aber was will man von jemandem erwarten, der selbst in diesem Umfeld aufgewachsen ist, der gelernt hat was sich gehört und was nicht. Schweigen und die Fassade bewahren, das gehörte sich. Auf unsere Mutter haben wir die wenigste Wut. Wir kennen sie, wir wissen wie schwach sie war und wie unbeholfen. Wir wissen wie stark sie verdrängt hat, was passiert ist, sie hat einfach vergessen. Es plagt sie noch heute immer wieder, dass sie mit uns nicht einfach weggegangen ist. Wir geben ihr keine Schuld, für uns war sie immer die Schwächere.

 

Wir haben keine Wut auf die Menschen, die nicht hingesehen haben, und keine Wut auf die, die uns nicht helfen konnten. Es ist für uns nachvollziehbar wie schwer es gewesen sein muss. Ein kleines Kind kann nur schwer sagen was es ganz genau bedrückt. Kleine Kinder sagen nicht: „Mein Opa und seine Freunde vergewaltigen und foltern mich“, weder verstehen sie wirklich was mit ihnen geschieht noch haben sie dafür die Worte, die Erwachsene verstehen. Kleine Kinder sprechen oft ohne Worte.

Wir haben keine Wut… nein, genauer: wir wollen keine Wut. Es ist auch so schon schwer.

Es gab immer wieder Situationen, in denen wir versucht haben uns anzuvertrauen, aber wir sind immer an unsere eigenen Grenzen und die der anderen geraten. Wem sollten wir einen Strick daraus drehen, dass er uns nicht verstand? Wem sollten wir vorhalten, dass er nicht wusste was er tun sollte? Wir selber sind auch ein nicht zu verachtender Faktor. Wir haben immer wieder bewusst und unbewusst dafür gesorgt, dass nicht zu viel von uns nach außen dringt. Von klein auf sind wir darauf gedrillt worden unseren Mund zu halten. Schreckliches würde passieren, wenn wir es wagten zu reden. Es wurde mit dem eigenen Tod, mit Folter gedroht, es wurde gedroht Familienangehörigen etwas anzutun. Uns wurde eingeredet, dass niemand je glauben würde was wir zu erzählen hätten. Diese Schweigegebote sitzen tief in uns. Jahrelang haben sie uns davon abgehalten zu erkennen, zu verstehen und nach außen zu gehen. Auch wenn wir heute schon weiter sind, auch wenn wir schon rebelliert haben, so haben diese Gebote ihren Einfluss auf uns noch nicht ganz verloren.

Wir haben die verschiedenen Welten, in denen wir leben und gelebt haben immer voneinander getrennt. Nur so konnten wir überleben, funktionieren und in all der Dunkelheit auch etwas Sonnenschein genießen. Auch das hinderte uns daran Hilfe im Außen zu suchen. Die von uns, die den Alltag lebten wussten nicht, was noch alles passierte. Die von uns, die am meisten litten, wussten nicht, wie sie sich Gehör verschaffen sollten. Zu all dem kam auch eine Angst, die Angst für verrückt gehalten zu werden, die Angst sich zu zeigen, die Angst vor Hoffnung, die wie eine Seifenblase zerplatzt.

Erst nach vielen Jahren, nach vielen Anläufen hat es ein Mensch geschafft unser Vertrauen zu gewinnen, geduldig, vorsichtig, ohne uns je zu drängen. Für uns war es der Anfang, der Anfang zu einem neuen Leben.

 

Fortsetzung folgt

 

© by lizards